Studieren ohne Abitur – Tagung an der Universität Hamburg

Am 12. und 13. September fand an der Universität Hamburg, am Fachbereich Sozialökonomie, die Tagung: “Studieren ohne Abitur” statt. Das Tagungsprogramm ist hier zu finden. Während der Tagung habe ich einige Punkte, die ich interessant und berichtenswert fand, als Tweets veröffentlicht. Nachfolgend ein Überblick über meine Kurznachrichten zu dieser Tagung, sowie einige erläuternde Kommentare um den Zusammenhang deutlich werden zu lassen.

Grundprobleme soziologischer Theoriebildung

In Vorbereitung auf mein empirisches Praktikum im nächsten Semester, welches den Versuch meiner ersten, ernsthafteren, empirischen Arbeit darstellen wird, stelle ich fest, dass ich in meinem Studium zwar mit soziologischen Grundlagen konfrontiert worden bin, die jetzt in meiner eigenen Arbeit zum Zuge kommen können. Leider stelle ich aber auch fest, dass mir für den sicheren Umgang mit Konzepten wie dem Habitus nach Bourdieu, der Formulierung von Forschungsthesen, oder der Wahl der empirischen Herangehensweise auf epistemologisch einwandfreien Grundlagen, an verschiedenen Stellen Details fehlen.

Das ist normal und auch nicht weiter verwunderlich. Das empirische Praktikum, bzw. das zugehörige Seminar beginnt ohnehin erst Mitte Oktober, es bleibt also noch Zeit einige Grundlagen zu vertiefen und zu recherchieren.

Eine Möglichkeit dazu bietet mir hoffentlich die Videoaufzeichnung der Vorlesung “Soziologische Theorie”. Diese Veranstaltung wurde im Sommersemester 2010 an der Universität Tübingen von Prof. Dr. Christoph Deutschmann gehalten und ist auf den Seiten der Universität frei abrufbar.

In der Vorlesung soll der geschichtliche Werdegang der soziologischen Theorien nachgezeichnet werden, was sich aus dem Umstand ergibt, dass Theorien immer geschichtsgebunden sind.

Der inhaltliche Teil beginnt mit der Erklärung, dass von der Soziologie immer erwartet wird, die gesellschaftliche Wirklichkeit zu erklären, um damit zu helfen, die verwirrende Komplexität der alltäglichen sozialen Erfahrung zu erhellen.

Eine gute Theorie ist die Voraussetzung dafür, dies leisten zu können, weil sie eine bessere Grundlage bietet, als der gesunde Menschenverstand oder abstrakte philosophische oder theologische Spekulation.
Bereits die Gründerväter der Soziologie Henri de Saint-Simon und Auguste Comte meinten, dass Theorien gesichertes, positives Wissen liefern sollen, welches uns, nach der Devise sehen um vorauszusehen, in die Lage versetzt, die gesellschaftliche Entwicklung in vernünftiger Weise zu steuern. Prof. Deutschmann meint, dass sich bei Sichtung der heutigen Theorienlandschaft in der Soziologie ein verwirrendes Bild bietet. Keine Theorie wird von einer Mehrheit der Fachvertreter als verbindlich akzeptiert, stattdessen gibt es einen Pluralismus an soziologischen Theorien.

Ein Vorteil in diesem Pluralismus liegt unter anderem darin, eine Fähigkeit zur Differenzierung und Wahrnehmung der sozialen Wirklichkeit aus unterschiedlichen Blickwinkeln entwickeln zu dürfen.

Das deduktiv-nomologische Modell

Das deduktiv-nomologische Modell geht auf einen Artikel von Paul Oppenheim und Carl Gustav Hempel zurück, welcher 1948 unter dem Titel “Studies in the Logic of Explanation” veröffentlicht wurde.
Nach diesem Modell basieren Theorien auf Erklärungen, wobei alle Erklärungen in drei Bausteine aufgeteilt werden können:

1. Explanandum: Aussage über den zu erklärenden Sachverhalt (E)

2. Gesetztesaussage: Gekennzeichnet als Wenn-Dann Aussage (G)

3. Aussage über die Randbedingungen (R)

Zur Veranschaulichung zieht Prof. Deutschmann als zu erklärenden Sachverhalt das hohe Ergebnis der FDP bei der letzten Bundestagswahl heran (E). Die Gesetzesaussage könnte lauten, dass Selbstständige und Freiberufler FDP wählen (G). Zu den Randbedingungen gehört, dass  Herr Mayer Freiberufler ist (R).

Die Erklärung, die sich daraus ableitet, ist, dass Herr Mayer FDP gewählt hat, weil er Freiberufler ist.

Aus der Randbedingung kann also über die Gesetztesaussage auf das Vorliegen des Explanandum geschlossen werden. Dazu gehören allerdings weitere Anforderungen, zu denen gehört, dass Erklärungen empirisch gehaltvoll sein müssen. Das bedeutet, dass sowohl (E), als auch (R) Sachverhalte bezeichnen müssen, die einen Unterschied ausmachen können und die wahr oder falsch sein können. Daraus ergibt sich, dass auch (G) wahr oder falsch sein kann.
Daraus ergibt sich auch, dass Erklärungen von Definitionen, also Begriffsbestimmungen, abgegrenzt werden müssen. Es lohnt sich nicht zu untersuchen, ob ein Schimmel weiß ist, wenn ein Schimmel als weiß definiert ist. Auch Typologien (als zusammenhängende Sätze von Definitionen) oder Klassifikationen erklären nichts. Sie können nicht verifiziert oder falsifiziert werden. Ihre Verwendung ist nach Prof. Deutschmann eine Frage der Zweckmäßigkeit in Bezug auf das Untersuchungsziel. Eine weitere Voraussetzung für das Funktionieren des deduktiv-nomologischen Modell ist die Notwendigkeit der empirischen Überprüfbarkeit. Das Vorliegen des Explanandum und der Randbedingungen müssen Beobachterunabhängig feststellbar sein.

Schwierigkeiten beim deduktiv-nomologischen Modell

Es stellt sich die Frage, was unter einer Gesetzesaussage zu verstehen ist. Die Aussage aus dem Beispiel, dass Selbstständige und Freiberufler die FDP wählen, ist deterministisch natürlich falsch. Es stellt höchstens eine wahrscheinliche Aussage dar, die aber nicht zutreffend sein muss. Da gesellschaftliche Phänomene historisch sind, sind diese an einen geschichtlichen Kontext gebunden, der sich verändern kann. Von Raum und Zeit unabhängige Phänomene zu formulieren ist daher scheinbar unmöglich.

Der Zusammenhang zwischen Freiberuflern und FDP-Wählern ist ferner zunächst nur eine Beschreibung eines empirischen Zusammenhanges. Theorien müssen aber mehr leisten können. Das deduktiv-nomologische Modell muss dazu auf sich selbst angewandt werden, also spezielle Erklärungen auf allgemeinere Erklärungen zurückgeführt werden. Theorien bilden Systeme von Erklärungen, die angeben, unter welchen Bedingungen welche Erklärungen zutreffen.

Für den vorliegenden Fall, dass Freiberufler FDP wählen, wäre eine Tiefenerklärung etwa, dass bestimmte sozialökonomische Interessen, die mit dem Beruf einer Person zu tun haben, im Zusammenhang mit der Wahl einer politischen Partei stehen.

Der Unterschied zwischen Theorien und Modellen

Prof. Deutschmann betont, dass der Unterschied von Theorien und Modellen beachtet werden muss, was seiner Wahrnehmung nach im universitären Alltag häufig nicht geschieht. Das spezifische beim Modell sei, dass die empirische Falsifizierbarkeit nicht gegeben ist. Zur Verdeutlichung wird die Betriebswirtschaftslehre genannt, in der häufig Modelle zur Erklärung der Realität herangezogen werden. Diese Modelle sind jedoch nur unter Laborannahmen richtig, es wird bei ihnen jedoch nicht der Anspruch empirischer Wirklichkeit erhoben. Modelle, als idealisierte und konstruierte, Darstellungen von funktionalen Zusammenhängen zwischen definierten Variablen, liefern keine Aussagen über die Wirklichkeit, sondern eine analytische Explikation der Annahmen eines Forschers über die Wirklichkeit, unter der Voraussetzung dass die Wirklichkeit die Eigenschaften teilt, wie sie das Modell vorsieht.

Karl Popper hat dazu einige scharfsinnige Erklärungen abgegeben, zu denen unter anderem auch gehört, dass streng nomologische Aussagen nicht verifiziert, sondern nur falsifiziert werden können.

Dazu dann mehr in einem der nächsten Blogbeiträge.

Soziologische Perspektive auf die vernetzte Öffentlichkeit

Wie ich das bereits in einem anderen Beitrag kurz angerissen habe, möchte ich mich im Rahmen meines empirischen Praktikums mit Bloggen, als einer sozialen Handlung, auseinandersetzen.

Genauer möchte ich in einer handlungstheoretischen Perspektive, explorativ, mit Hilfe von qualitativen Interviews, versuchen darzustellen, inwiefern einerseits ein eigenes Blog, andererseits Facebook, nach Meinung der Allgemeinheit, zu nutzen sind.

Vereinfacht gesagt, möchte ich Menschen danach befragen, wie man ihrer Meinung nach Facebook nutzen kann, und andererseits, wie man ihrer Meinung nach Blogs nutzen kann.

Ich erwarte mir davon, sichtbar machen zu können, dass Facebook als ein Medium wahrgenommen wird, dass sich für alles mögliche eignet, während Blogs eher für spezifischere Dinge genutzt werden.

Dieser Hypothese liegt die Annahme zugrunde, dass Blogs etwas wiederspiegeln können, was in der Bourdieu-orientierten Habitusforschung beispielsweise Fotos zugeschrieben wird.

Bourdieu selbst etwa hat sich den “sozialen Gebrauchsweisen der Photographie” gewidmet und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass “die der Photographie zugeschriebene Bedeutung und Funktion unmittelbar an die Struktur der Gruppe, an deren mehr oder weniger ausgeprägte Differenzierung und insbesondere an deren Stellung in der gesamtgesellschaftlichen Struktur gebunden sind” (Bourdieu, S. 20).

Ich versuche also entsprechend nachzuweisen, dass Blogs sowohl inhaltlich, als auch alleine in ihrer Existenz, Auskunft über die soziale Stellung ihrer Betreibenden geben. Insbesondere insofern, als dass Bloggen, weitläufig schon an sich von einem eher gehobeneren Publikum betrieben wird, während andere Onlinemedien, wie Facebook auch vom “Pöbel” genutzt werden.

Die Relevanz einer solchen Fragestellung möchte ich kurz anhand eines Beispiels darstellen, auf das ich in den Mitschnitten der Vorlesung “Vernetzte Öffentlichkeit” von Jan-Hinrik Schmidt gestoßen bin. Das verlinkte Video ist ein Ausschnitt aus der ersten Sitzung der Vorlesungsreihe und zielt genau auf die Stelle, die ich meine: Hier ansehen (ca. 5 Minuten).

Tessas Facebook-Party und die mediale Reaktion auf die Ereignisse ist ein sehr schönes Beispiel, für etwas, man wissenssoziologisch mit “Vom Diskurs zum Dispositiv” umschreiben könnte. Es ist dafür nahezu perfekt geeignet, weil der Diskurs einen relativ klaren Anfang hat und sich eines der Dispositive im Video klar benennen lässt.

Vom Diskurs zum Dispositiv in Lichtgeschwindigkeit

Vom Diskurs zum Dispositiv in Lichtgeschwindigkeit.
Foto: Colors! von Andrew Hart, Lizenz: CC 2.0: BY, SA

Tessa hat hier eine bestimmte soziale Handlung vollzogen, nämlich auf Facebook eine Veranstaltung erstellt, zu der sich jede Person einladen kann. Diese Handlung hat bestimmte Auswirkungen, wie beispielsweise, dass viele Menschen sich auf Facebook als Teilnehmende eintragen und eine große Anzahl Menschen am festgelegten Tag und Ort erscheint.

Der Diskurs über Facebookpartys und insbesondere darüber, welche Einstellungen man bei Facebookpartys vornehmen muss, damit sich nicht jede Person selbst einladen kann, ist damit entbrannt.

Hier entsteht etwas, was etwa Berger und Luckmann als Institutionalisierung bezeichnet haben.

Institutionalisierung findet statt, sobald habitualisierte Handlungen durch Typen von Handelnden reziprok typisiert werden. Jede Typisierung, die auf diese Weise vorgenommen wird, ist eine Institution. (Berger, Luckmann, S. 58)

Innerhalb des Diskurses wird das Bild geformt, dass man die Einstellungen bei Facebookpartys restriktiv wählen sollte. Wie man die Einstellungen für eine Facebookparty zu wählen hat, wird zu einer Institution.

Es geht sogar so weit, dass Sanktionen gegen Personen vorgenommen werden (Dispositive), die weiterhin die Einstellungen für Partys so wählen, wie das vor Tessas Party sicher häufiger gemacht wurde. Im verlinkten Video wäre das etwa die MoPo-Überschrift, die Akteure als Trottel beschimpft, die gegen die Institutionalisierte Facebook-Handhabung verstoßen.

Das also, als schönes Beispiel aus der Praxis, um zu veranschaulichen, dass es sehr zentral ist, wie wir soziale Medien nutzen und wofür wir sie nutzen, weil dies Auswirkungen hat, die bestimmen, wie unsere Welt aussieht.

Literatur:
Bourdieu, Pierre (1981): Einleitung. In: Bourdieu, Pierre/Boltanski, Luc/Castel, Robert/Chamboredon, Jean-Claude/Lagneau, Gérard/Schnapper, Dominique (1981): Eine illegitime Kunst: Die sozialen Gebrauchsweisen der Photographie. Frankfurt a.M.: Europäische Verlagsanstalt, S. 11-21.
Berger, Peter L./Luckmann Thomas (1980): Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit (2012) Frankfurt a.M.

Soziologische Phänomenologie

Die Phänomenologie findet sich in vielen soziologischen Arbeiten als Beschreibung für die empirische Herangehensweise der Autor_Innen.

Darunter verstehe ich in der Regel, dass in der jeweiligen Arbeit Material empirisch untersucht wird und im untersuchten Material Dinge vorgefunden werden, die in einem positiven oder negativen Erklärungszusammenhang mit der Forschungsthese stehen. Wenn die Möglichkeit der Falsifikation nicht gegeben ist, weil man es nicht mit einer einfachen These, sondern mit der Suche nach Wirkungszusammenhängen zu tun hat, sollte der phänomenologische Ansatz die Möglichkeit bieten, im Material “Dinge” zu finden, die den Wirkungszusammenhang näher spezifizieren oder ihn vielleicht auch unwahrscheinlich erscheinen lassen. Das wäre schließlich auch ein Erkenntnisgewinn.

Ein Forschungsprozess mit phänomenologischer Herangehensweise liefe also exemplarisch in etwa so ab: Eine Forschungsthese wird aufgestellt, empirisches Material wird gesammelt oder erhoben und im empirischen Material werden Dinge gefunden, die die die aufgestellte These falsifizieren können.

Da ich mir nicht sicher bin, inwiefern diese relativ einfache Beschreibung ausreichend den Kern einer phänomenologischen Herangehensweise in soziologischen Arbeiten beschreibt, möchte ich meine Kenntnisse in diesem Bereich mit etwas Fachliteratur anreichern. Als seichter Einstieg aber zunächst ein Video, in dem unter anderem Edmund Husserl zitiert wird, dem die philosophische Phänomenologie zugeschrieben wird.

In dem Video kann man hören, dass Phänomenologie einen Zusammenhang von wissenschaftlichen Disziplinen, sowie eine philosophische Methode und Denkhaltung bezeichnet.
Phänomenologie sei eine Wissenschaft vom Phänomen. Mit Phänomen sind dabei in der Phänomenologie nicht Gegenstände gemeint, wie sie scheinen, sondern so, wie sie für uns sind.

Husserl versteht Phänomene also, als die Art und Weise wie uns ein Gegenstand gegeben ist.
Die Phänomenologie, insbesondere als Methode, steht in engem Zusammenhang mit epistemologischen Fragen, also mit Fragen danach, was denn überhaupt herausgefunden werden kann. Phänomenologie begreift sich als einen Zugang, der aus der subjektiven Perspektive den Zugang zur Welt und die Fundamente der Wissenschaften untersucht. Dabei ist wichtig, wie wir etwas erkennen.

Auch Immanuel Kant hat bereits etwa die Frage nach den intellektuellen Voraussetzungen zu Forschen aufgeworfen, Husserl geht jedoch davon aus, dass hier keine erkenntnistheoretischen Grundlagen angehäuft werden können, sondern der Zugang zum Forschungsgegenstand jeweils zu den Sachen selbst erfolgen müsse.

Nach Husserl muss dazu alles subjektive vermieden werden, alle Annahmen müssen reduziert werden und der Forschende muss sich zudem von allen Traditionen, und von allem, was dem Gegenstand zugeschrieben wird freimachen.

Damit wäre der Grundstock zum Verständnis der Phänomenologie zwar bereits gelegt, jedoch bleibt noch die Frage nach der spezifisch soziologischen Phänomenologie. Um diese besser verorten zu können habe ich in einen Blick in das Handbuch Soziologische Theorien geworfen, in dem sich ein Beitrag von Hubert Knoblauch über die Soziologische Phänomenologie findet. Hier eine teilweise Zusammenfassung des Beitrages:

Die phänomenologisch orientierte Soziologie ist eine Verbindung der durch Husserl geprägten philosophischen Phänomenologie mit der Soziologie, die insbesondere durch Alfred Schütz im Bereich der Wissenssoziologie vollzogen wurde (vgl. S. 299). Die Fruchtbarmachung der Phänomenologie für die Wissenssoziologie beeinflusste weitreichend auch andere Bereiche der Soziologie, bis hin zur interpretativen Wende und ist daher mitursächlich für die Etablierung der qualitativen Sozialforschung (vgl. S. 299).
Die vorsoziologische, philosophische, Phänomenologie nach Husserl zeichnet sich durch eine streng geregelte Herangehensweise an einen als wirklich geltenden Gegenstand aus, die beinhaltet, die eigene Beobachterperspektive zu reflektieren, um den Konstruktionsvorgang der jeder Beobachtung beiwohnt zu minimieren (vgl. S. 300). Husserl prägte im Zusammenhang mit der Beschreibung von Bewusstseinsleistungen, die etwa exemplarisch für das Verstehen von Wörtern, ohne diese auszusprechen, erlernt worden sein müssen, den Begriff der Lebenswelt (vgl. S. 301). Da die subjektiven Bewusstseinsleistungen in der philosophischen Phänomenologie auch in einem Zusammenhang mit den subjektiven Bewusstseinsleistungen anderer stehen und von diesen beeinflussbar scheinen, entwickelte Husserl zur Ursachenerklärung ein Modell der transzendentalen Intersubjektivität, welches im späteren Verlauf für die Soziologie und eine eigenständige phänomenologische Soziologie, zugunsten des symbolischen Interaktionismus nach Mead aufgegeben wurde (vgl. S. 303, f.). Auch die Definition der Soziologie von Max Weber, nach der Soziologie eine Wissenschaft sein soll, die soziales Handeln deutend verstehen will, wobei Handlung ein menschliches Verhalten, mit dem ein subjektiver Sinn verbunden wird, ist, lieferte einen Anknüpfungspunkt zur Phänomenologie, da sich diese mit der Welt als einem Sinnphänomen beschäftigt, und in der phänomenologischen Reduktion eine Methode bietet, das Zustandekommen subjektiven Sinns zu erklären (vgl. S. 304).

Im weiteren werden im Beitrag von Hubert Knoblauch noch der Einfluss und die Rezeption der Phänomenologie auf die Wissenssoziologie, die Etnomethodologie und den durch Berger und Luckmann geprägten Sozialkonstruktivismus dargestellt. Im Kern geht es bei der phänomenologischen Soziologie darum, dei Methoden der transzendentalen Phänomenologie zu der Reduktion und edetische Variation (Variation der Eigenschaften eines Gegenstandes um das Wesensnotwendige herauszufinden) gehört, als empirische Sozialforschung anzuwenden (vgl. S. 317).
Entscheidend ist ferner, die phänomenologische Soziologie oder Sozialphänomenologie von phänomenologisch orientierter Soziologie abzugrenzen. Hubert Knoblauch stellt etwa dar, dass die gegenwärtige angelsächsische phänomenologische Soziologie auf schmalen Kenntnissen der Phänomenologie aufbaut (vgl. S. 317).

Mein persönliches Fazit ist, dass ich damit bislang leider nur an der Oberfläche gekratzt habe und eigentlich für ein tieferes Verständnis eine komplette Vorlesungsreihe zu diesem Thema besuchen müsste. Für das erste genügt es mir allerdings, zukünftig ein etwas besseres, wenn auch noch unvollständiges, Verständnis davon zu haben, was gemeint sein könnte, wenn in soziologischen Veröffentlichungen von einem phänomenologisch orientierten Zustand gesprochen wird.

Literatur: Knoblauch, Hubert (2009): Phänomenologische Soziologie. In: Handbuch Soziologische Theorien, 1. Auflage, Wiesbaden, S. 299 – 322